Zum Inhalt springen
Aktuelle Seite: Editorial

Liebe Lesende,


polylog ist nun fünfzig Ausgaben alt: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Von alt kann jedoch keine Rede sein, brandneu erstrahlt das Layout, die Webseite sowie die frisch eingeführte Rubrik »polytop«, die nun neben dem Themen-, dem Forumsteil und den Rezensionen, weitere Einblicke in Bewegungen interkulturellen Philosophierens jenseits der akademischen Institutionen geben wird. Das Jubiläumsspezial in dieser Ausgabe: Die Beschäftigung mit unserer fünfzig Ausgaben währenden Geschichte, mit Vorgeschichte und statistischer Auswertung. Ebenfalls aktuell, wenn auch kein Anlass zum Feiern: ein Statement (zu finden auf unserer Homepage) zum gefährdeten Erhalt der Forschungsrichtung der interkulturellen Philosophie an der Universität Wien.
Die Redaktion hat im Herbst außerdem alle Personen mit Sonderaufgaben im Amt bestätigt. Details können im Impressum nachgelesen werden. Vielen Dank! Ein großes Dankeschön auch an alle, die derzeit im Hintergrund tätig sind: nur zusammen sind wir polylog.

Thematisch präsentieren wir in dieser Jubiläumsausgabe ein Konzept, das für philosophische Verhältnisse zwar jung ist, jedoch bereits auf eine eigene Begriffsgeschichte zurückblicken kann. Für viele mag es dennoch ein unbekanntes Phänomen sein. Elsa Dorlin beendet den Prolog ihrer Monographie Selbstverteidigung. Eine Philosophie der Gewalt (2020) so: »Was macht die Gewalt Tag für Tag mit unserem Leben, unserem Körper, unseren Muskeln? Und was können diese ihrerseits innerhalb und mit der Gewalt sowohl tun als auch nicht tun?« Ebenso ist zu fragen: Was macht die Gewalt Tag für Tag mit unserem Denken, unserem Wissen von Welt(en) und Wirklichkeit(en), unserem Philosophieren? Und vor allem: Wer sind »wir«?
Hierzu ein Beispiel aus einem anderen Lebensbereich: ein neurodiverses Kind im Autismusspektrum reagiert schreiend, schlagend, beißend auf den Satz der Erziehungsperson: »Das ist nicht nett.« »Nett sein« wird als Erwartungshaltung an Partizipierende in Regelsystemen herangetragen, so auch an das Kind im Beispiel. Menschen, die nicht nett sein können oder wollen, werden zum Erhalt einer zugrundeliegenden Ordnung bestraft oder ausgeschlossen. Warum dieses Beispiel?
Nun, es zeigt einen Mechanismus auf, der sich auf das Wirken von epistemischer Gewalt übertragen lässt: Grundlegende Erwartungen an akademische Praxis erscheinen uns zunächst angemessen, werden jedoch von anderen als epistemische Gewalt wahrgenommen; auch wenn darauf nicht mit Schreien, Schlagen oder Beißen reagiert wird. Es ist daher schwer, in der eigenen Wissenspraxis epistemische Gewalt zu erkennen, dennoch sind wir genau dazu aufgefordert. »Wir« ist stets hoch ambivalent, es gibt keine Kontexte, (auch nicht im interkulturellen Philosophieren) in denen das »Wir« nicht auch ausschließend gemeint ist. »Wir« sind nie alle, dennoch deutet epistemische Gewalt genau hierauf: Auf das Erkennen derer oder dessen, die eben nicht mit gemeint waren oder sind. Das ist unbequem. Aber auch hier feiert polylog ein Jubiläum: fünfzig Ausgaben »unbequem«. »Unblutigen Völkermord« nannte Frantz Fanon »das Beiseiteschieben von anderthalb Millionen Menschen.« Wenn wir akademisches Wissen produzieren, indem wir die Mehrheit der Menschheit beiseiteschieben, liegt darin ein Epistemizid. Auch wenn polylog als Einladung an alle gemeint ist, so müssen »wir« »unsere« Praxis stets hinterfragen.

Freuen Sie sich (zum fünfzigsten Mal) auf spannende und bunte Lektüre!

Lara Hofner

Fuss ...